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minifon

Neulich auf dem nächtlichen Flohmarkt lacht mich ein Kästchen an: gelblicher Hammerschlag-Lack, "minifon" steht drauf. Firma Protona, Hamburg. Interessant... Bei näherem Hinsehen erkenne ich ein portables Drahttongerät. Also eine Art Walkman, aber eben nicht mit Compact Cassetten auf Magnetband-Basis, sondern mit Tondraht betrieben.



Kennt heute wahrscheinlich kaum einer. Ich zitiere der Einfachheit halber einen Ausschnitt aus einer Webseite, die das besser beschreiben kann, als ich: http://www.useddlt.com/magnetband_story1.0.html - sehr lesenswert, übrigens.

1900 - Poulsons Eisendraht Patent

Erfunden oder entdeckt und realisiert hatte das Aufzeichen von Tönen auf dünnen Eisendraht der Däne Valdemar Poulsen (1869-1942) so ca. 1898. Doch das war eine unausgereifte physikalische mechanische Spielerei. Poulson war seit 1893 bei der Copenhagen Telephone Company angestellt und machte Versuche mit der Aufzeichnung von Telefongesprächen. 1899 bekam er das Patent 661,619 für einen hochkant stehenden mit Draht umwickelten Zylinder (Trommel). Er nannte sein Gerät Telegraphone.

Obwohl Poulson auf der Weltausstellung 1900 in Paris einen Preis bekam und auch die Stimme von Kaiser Franz Josef aufnahm (die älteste Tonaufzeichnung der Welt), erinnert diese Technik an den aktuellen Niedergang des Cargolifters, mit dem auch die Physik überlistet werden sollte. Er meldete für seine Erfindung einen Haufen Patente auf der ganzen Welt an. Über die diversen Draht-Rekorder in Europa und den USA kommt noch mehr in den folgenden Absätzen.


1900 - Magnettongerät von Mix und Genest Berlin

Im gleichen Jahr, in dem Poulsen auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet wurde, erblickte noch ein weiteres Magnettongerät das Licht der Welt. Es wurde von Mix und Genest in Berlin herausgebracht, die ebenfalls Draht als Tonträger verwendeten. Die Drahtgeschwindigkeit betrug 200 cm/sec, und die maximale Aufnahmezeit war, ebenso wie bei Poulsens erstem Gerät, nur kurz: 50 Sekunden.





In den 30ern war diese Technik stärker verbreitet, in den 50ern war die Tonqualität der von Magnetbändern entsprechend. Allerdings hatte diese Technik den Nachteil, daß sie nur einspurig zu nutzen war.

Zurück zu dem Flohmarktfund: Das kleine minifon P55, es galt als Spionagegerät, so klein war es. Daß die Mikrophone als Kugelschreiber oder Armbanduhr getarnt waren, trug sicherlich zum Ruf dieser Geräte bei. Kurz, ich mußte das Gerät einfach haben. Ein Tondrahtgerät hat mich immer schon fasziniert, an einem tragbarem mit kompletter Originalausstattung (Tragetasche, Kopfhörer, Netzteil, Kugelschreibermikro und Bedienungsanleitung sowie einigen Tonträgern) kann ich nicht vorbei. Der Preis war sehr niedrig, also schlug ich zu. Das Gerät funktioniert wie am ersten Tage, die Tonträger abzuhören, ist zu schön: Ein Interview über die absehbaren Möglichkeiten der Organspenden sowie deren Für und Wider. Sollen Schwerverbrecher hingerichtet werden und deren Organe dann zwangsgesendet werden? Auch das Interview zu Bewerbungsunterlagen und -gesprächen mit einem Personalleiter sowie einem Graphologen ist absolut hörenswert. Die Spulen, die beschriftet sind mit dem vielversprechenden Schriftzug "Ostverträge", konnte ich noch nicht abhören, mal sehen, was da kommt.
















Das minifon war übrigens Basis der ersten Flugschreiber. Mehr über die Geschichte dieser Geräte und der Firma Protona auf
http://www.radiomuseum.org
http://www.pimall.com/nais/pivintage/minifonpicketwire.html
http://www.pimall.com/nais/pivintage/minipon.html

http://www.protona.de/

Das ganze stammt von 1959/60, einer Zeit also, in der die Festplatte noch nicht erfunden war, als die Heckflosse auf die Straße und die Antibabypille auf den Markt kam und als der Krieg noch eiskalt war. Das Wunderwerk der Technik, das nur ein Kilo wog, kostete damals rund 750,-- DM. Zu einer Zeit, als der durchschnittliche Monatslohn meines Wissen bei 550,-- DM lag! Doch spätestens 1963 waren die minifon-Geräte altes Eisen, denn es kam die Revolution: der erste tragbare MC-Recorder: der Philips EL3300. Ein Gerät für die neuen Compact Cassetten, auch als MC bekannt. So ein Teil - genauer ein EL 3302 - hatte ich mal, aber das ist leider Plusquamperfekt. Aber ich wäre froh, auch solch ein Gerät in die Sammlung aufzunehmen....

So sehen sie aus: http://images.google.ch/images?q=philips+el3300&btnG=Bilder-Suche
Details zu diesem Meilenstein auf http://www.useddlt.com/kassettengeraete.0.html.