Mit Öl lackieren?

Ein paar Begriffe rund um´s Leinöl

Leinöl

Leinöl wird aus Leinsamen gepreßt und in unterschiedlichen Formen angeboten. Auch wenn man vom “Trocknen” spricht: Das ist nicht ganz korrekt, da verdunstet nichts, sondern das Leinöl oxidiert -  das Leinöl reagiert mit Sauerstoff und härtet aus. Es handelt sich also nicht um einen Trocknungsprozeß, sondern um einen Polymerisationsprozeß. Dieser Prozeß kann je nach Variante sogar einige Jahrzehnte andauern.



Aufpassen: Die Polymerisation ist eine chemische Reaktion, die Wärme erzeugt. fein zerstäubt (dazu zählen auch ein getränkter Lappen oder Schwamm!) kann es unter Umständen zur Selbstentzündung kommen. Dies gilt insbesondere, wenn mit Terpentinöl gemischt! Lappen oder Schwamm also am besten nach der Benutzung luftdicht verschließen, z.B. in einem Glas mit luftdichtem Deckel. Alternativ können Lappen flach ausgebreitet werden auf einer nicht brennbaren Fläche. Pinsel entweder in Leinöl stehen/hängen lassen oder mit Leinölseif auswaschen.  

Das Öl dringt sehr tief in das Holz eindringen, hebt dabei die Maserung hervor und hat eine konservierende und imprägnierende Wirkung; das heißt Wasser perlt ab. Beim Aushärten entsteht bildet sich eine (offenporige) Schutzschicht, die weicher ist als die von Kunstharzlacken. Diese Schicht bleibt jedoch elastisch, ist dafür nicht so abriebfest. Die Elastizität ist ein Vorteil, da das Holz arbeitet und die Leinölschicht dabei mitmacht. Die PU-Lacke können bei Holz, das stark arbeitet oder bei Konstruktionen, die stark elastisch sind, zu Rissen neigen. Bei unseren kleinen Booten vermtlich nicht relevant. Zudem kann Feuchtigkeit aus dem Holz durch die Schicht diffundieren.

Um einen UV-Schutz zu erzielen, kann man dem Leinöl Pigmente beimischen. Im Schiffbau kommt wohl oft u.a. Zinkoxid zum Einsatz, da dieses Pilze und Algen abtötet. Das dürfte bei unseren Booten ebenfalls nicht so relevant sein. Andere geeignete Pigmente sind weitere Metall(di)oide und Mineralstoffe.

Mit Leinöl behandeltes Holz muß immer mal wieder nachgeölt werden. Hierzu muß die Schicht nicht abgeschliffen werden. Auch ein nachträgliches Ausbessern eines Schadens ist ohne Abschleifen problemlos möglich.

Eine ausschließliche Behandlung mit reinem Leinöl ist für Boote ungeeignet. Eher ist Leinöl als Grundierung geeignet, die dannz.B. mit leinölbasierten Produkten (siehe unten) oder auch einem Lack überstrichen wird.

Rohleinöl

Reines Leinöl. Es trocknet sehr lange - meiner Meinung nach zu lange für unsere Modelle, wir reden hier von Jahren oder auch Jahrzenhten. Der Vollständigkeit halber: Es wird in zwei Varianten angeboten, die aber nach meinen Recherchen keine für uns wesentlichen Unterschiede haben.

Gebleichtes Leinöl, Standöl

Ist ein sog. Dicköl, das durch Sonne, Verrühren, Lufteinblasen etc. stark eingedickt wird. Es ist heller und deutlich zäher als Rohleinöl. Nicht geeignet für unsere Boote, da es zu zäh ist und nicht gut genug in´s Holz eindringt.

Gekochtes Leinöl

Ein Hartöl, das schneller polymerisiert, also aushärtet. Geeignet eher für einen Schlußanstrich. Es glänzt stärker als die Rohleinöle.

Leinölfirnis

Leinölfirnis ist gekochtes Leinöl, das mit Sikkativ versetzt ist und ist ein Zwischenprodukt der Linoleum-Herstellung. Das Wort Firnis kommt vom französischen Wort “vernis” (Lack).

Der Leinölfirnis hat erstmal einen Nachteil: Er ist deutlich zäher als reines Leinöl, kann aber mit Terpentinöl verdünnt werden, um zu erreichen, daß er tiefer in das Holz eindringt. Der Vorteil liegt im Sikkativ: dieses führt zu schnellerem Aushärten. Leinölfirnis kann problemlos überlackiert werden, eigent sich also auch als Grundierung.

Verarbeitung

Leinöl sollte über 10 Grad verarbeitet werden und kann ggf. im Wasserbad auf ca. 55 Grad erwärmt werden; es ist dann dünnflüssiger. Das Holz feucht abgewischt werden (damit sich die Fasern aufstellen) und dann mit einem Grund-Schliff mit 240er und 320er Papier oder Vlies vorbehandelt werden. Ohne Grundschliff oder bei Verwendung schlechter Schleifmittel richten sich die Holzfasern nach dem Lackieren bzw. Ölen wieder auf, die Fläche wäre also nicht glatt.

Auftragen des Öls erfolgt am besten mit einem Schwamm oder Lappen. Nach einer halben Stunde überschüssiges Öl mit dem Lappen aufnehmen, dann mindestens 12h, besser einen Tag trocknen lassen.

Nach dem zweitem Ölauftrag kann man mit Zwischenschliffen beginnen. Dafür ist Schleifvlies besser geeignet, denn Vlies setzt nicht so schnell zu. Der Zwischenschliff kann so auch naß (also mit Leinölfirnis) erfolgen. Es werden 4 - 10 Schichten empfohlen.  

Der letzte Ölauftrag kann entweder Leinölfirnis oder eines der unten genannten Produkte sein. Um den Glanz zu verbessern, kann man das ganze dann noch polieren, z.B. mit Bimsmehl, Tonerde oder Kaolin.

Terpentin, Gasolin und die Kiefern

Terpentin = Balsamöl = Kiefernöl

Terpentin besteht aus Harz und ätherischen Öle aus Kiefern, genauer Koniferen. Es wird genutzt als Weichmacher für Harze und wird u.a. in Lacken zugesetzt. Es ist auch ein Binde- und Verdünnungsmittel für Ölfarben.

Terpentinöl

Terpentinöl wird häufig leider auch Terpentin genannt, manchmal auch noch  Terpentinspiritus. Es handelt sich dabei um destiliertes Terpentin, d.h. die Harze werden weitgehend entfernt. Diese Überreste der Harze heißen nach diesem Prozeß übrigens Kolophonium, das einerseits wiederum ein Bestandteil bestimmer Lacke ist, die aber für uns nicht interessant sind, andererseits Handballern, Violinisten oder Elektonikern ein Begriff sein dürfte.

Terpentinöl ist geeignet, um Leinöl(firnis), besser fließen zu lassen und verdunstet ohne Rückstände. Allerdings sind die Dämpfe nicht ganz gesund - also gut lüften.

Terpentinersatz, Benzeng, Gasolin...

Was hat denn nun das Kiefernharz mit Benzin zu tun?

Reinbenzin = Leichtbenzin = Waschbenzin = Wundbenzin = Fleckenbenzin

Im Prinzip alles das gleiche - gereinigte Benzine unterschiedlicher Qualitäten und wohl auch nicht 100% trennscharf definiert. Diese Benzine sind jedenfalls geeignet zur Reingung - zum Beispiel von geöltem Holz, das  verleimt werden soll.

Terpentinersatz = Testbenzin

Ist ebenfalls ein Reinbenzin, verdunstet aber langsamer (heißt höherer Siedepunkt) als die anderen Sorten und geeignet als Lösemittel bzw. Verdünner von Klebern, Lacken etc. Unter Umständen auch zur Verdünnung von Leinöl geeignet.

Sikkativ

Das Sikkativ basiert auf Schwermetallsalzen und hat eine katalytische Wirkung, die die Oxidation des Leinöls (Aushärtung/“Trocknung“) beschleunigt. Sikkativiertes Leinöl ist etwa nach 24h ausgehärtet.

Drittprodukte

Le Tonkinois (Marine), Owatrol, Rylard

Diese Produkte basierend auf Leinöl und sind mit diversen anderen Mitteln versetzt. Die Meinungen zu den Produkten gehen auseinander, jedes hat seine Fans. Wahrscheinlich ist es einfach “Geschmackssache”.

Owatrol z.B. besteht aus Leinöl und einen hohen Anteil Petroleum sowie weiteren Stoffen. Le Tonkinois enthält im wesentlichen Leinöl und Tungöl.

Beifang

Bei der Recherche stieß ich auf zwei Begriffe, die einen für mich überraschenden Zusammenhang mit Leinöl haben:

Menninge

Ein wohlbekannter oranger Schutzanstrich aus Leinöl und einem Bleioxid, der seit fast 3000 Jahren bekannt ist, heute allerdings nur schwer zu bekommen, da giftig. Wird statt Blei alternativ Eisen verwendet, dann heisst das ganze Eisenmennige, ist ungiftig und rot statt orange.

Labsal

Aus dem (historischen) Schiffbau gekannt, daher auch passend für unser Thema. Ein u.a. auf Leinöl, Wurzelteer und Sikkativ bestehender Schutz von Holz, Tauen etc. Witzig die Wortherkunft: (Quelle: Wikipedia) ”Das seemännische „Labsal“ leitet sich vom [...] Niederländischen „lapsalven“, „mit einem Lappen ab- oder einreiben“. [...] In seiner letzten Bedeutung wurde „Labsal“ 2007 zum viertschönsten bedrohten Wort der deutschen Sprache gewählt.”