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Pagode mit 108 Flossen

Wie ich zu einer Pagode mit 108 Flossen kam

Wie kam ich überhaupt auf die Idee, mir so einen alten Wagen zuzulegen? Ganz einfach: Mit einer an mir vorbei brausenden Pagode fing alles an. Irgendwann machte es Klick (nein, ich meine nicht die Maus...) und mir wurde klar: Man soll diesen Pagoden nicht immer nur hinterhersehen. Selber eine haben ist angesagt. "Also gut, jetzt kauf´ ich mir eine Pagode" dachte ich. Und so las ich Bücher und recherchierte wochenlang im Netz der Netze. Und je mehr ich las, desto eindeutiger wußte ich: die Pagode ist traumhaft, ohne Dach ein tolles Cabrio (besonders in Hamburg absolut wichtig) und mit Dach eben eine wundervolle Pagode.

Aaaaber: Eine S-Flosse (W111 oder W112) kommt meinen Bedürfnissen eigentlich viel näher: Platz ohne Ende, sowohl auf den vorderen und hinteren Sitzen als auch im Kofferraum und außen auch. Und nicht zuletzt auch deutlich preisgünstiger zu haben, als der SL.

Tja, was nu?

Ganz einfach: neue Recherche! Und, siehe da: ein Club namens 'Verein der Heckflossenfreunde.....' mit Stammttisch in Hamburg tritt auf den Plan. Ein kurzer Anruf bei Thorsten und der nächste Freitag abend ist verplant: Ich werde in einem Lokal gleich bei mir um die Ecke Dutzende Flossenfetischisten vorfinden, man wird mich in den verschiedensten Fahrzeugen herumkutschieren, mir alle Fallen aufzeigen und aus dem riesigen Vereinsfundus den einen oder anderen Wagen zum Verkauf anbieten. Denkste, war natürlich doch ganz anders: Immerhin, das Lokal befindet sich wirklich um die Ecke, nur war da weit und breit kein Stammtisch auszumachen. Vor lauter Euphorie hatte ich nämlich den Termin eine Woche zu früh stattfinden lassen wollen. Kaum macht man es richtig, schon klappt´s auch: in der Woche drauf sollte es dann soweit sein, und tatsächlich traf ich auf einen Haufen ausgesprochen offener und hilfsbereiter Flossen-Freunde. Leider gab es aber ausgerechnet beim Stammtisch des Flossenclubs niemanden mit einer großen Flosse; "nur" mit W110ern. Oder mit 108ern, Strich8ern, W123ern oder einem von fahrfähig noch ca. soundsoviele Jahre entfernten 112er Bausatz. Tolle Wurst! Und jetzt?!

So rumorte es weiter bei mir. "will aber ´ne große Flosse, nicht einen 108er und auch keine kleine Flosse, und die Pagode ist sowieso erstmal abgehakt!" - so dachte ich jedenfalls eine Weile. Allerdings war mir nicht klar, was hinter meiner Ablehnung des W108/109 steckte, stand er doch der Pagode - dem Ursprung meiner ganzen Überlegungen – in seiner Linie viel näher als die Flosse. Darüberhinaus liegt mir das Design der 60er mehr als das der 50er. Und der 108er gefiel mir von seiner Formgebung immer schon. Man ahnt es schon, der Prozeß begann von neuem: Webrecherche, Bücherkauf, lauter Fragen für den Stammtisch, Sternschuppen-Forum sowie VDH-Foren (kannte ich ja schon vom Thema Heckflosse) mitlesen. Und wo ich schon dabei war, habe ich das Thema Strichacht gleich miterledigt, nur für den Fall, daß es sich meine kleinen grauen Begehrlichkeits-Zellen erneut anders überlegen sollten.

Was unterscheidet eigentlich W108 und W109?

Mehr als 2,8 Liter Hubraum? Steht das L wirklich – wie in einer 65er Ausgabe der „Mercedes-Benz Information“ zu lesen ist für Luftfederung oder für Lang? Heißt lang immer 109? Naja, inzwischen habe ich es glaube ich drauf... Hat ein Weilchen gedauert, da hat Daimler sich ja wirklich ein nettes Verwirrspiel einfallen lassen... Nachdem nun aber endlich klar war, was für ein Wagen es werden sollte, konnte ich zur Tat schreiten: Kaufen! Nur welchen? Das Angebot an vernünftigen 280SE/8 mit Lenkrad-Automatic, ESSD und Ledergestühl ist zumindest im Raum Hamburg nicht gerade berauschend. Allzuweite Reisen wollte ich nicht unternehmen, da dies sowohl zeitraubend ist als auch unnötig ins Geld geht. Dieses wollte ich lieber in den Wagen stecken. Auf diesem Wege übrigens nochmals vielen Dank an meine Berater und Begleiter Beule, Lutz und Nils! Die drei haben sich viel Zeit genommen, um mich mit auf Treffen zu fahren, mich zu Autobesichtigungen zu begleiten, mich Ihr Autos fahren zu lassen oder mir beispielsweise Autos zu zeigen, die oben schöner aussehen, als untenrum.

Den ganzen Sommer habe ich alle Oldtimer-Treffen im Norden genutzt, um den Wagen meiner Träume zu finden. Die Wagen, die mir gefielen, standen nur leider nie zum Verkauf. So auch der arabergraue 108er auf dem Rendsburger Treffen im Juni.

Der Besitzer wußte viel von der Vergangenheit des Wagens zu erzählen, nur leider betand keinerlei Absicht, sich von dem Fahrzeug zu trennen. Da es mir nun aber genau dieses Fahrzeug angetan hatte, habe ich dem Besitzer meine Telefonnummer gegeben. Für den Fall der Fälle, daß er doch mal überlegen sollte...

Ende August - nichtsahnend war ich gerade mal wieder im Begriff mit Lutz eine kleine Freitag-Abend-„Stadtführung“ zu machen - kam dann der Anruf von meiner Freundin: Es hätte jemand zuhause angerufen, er habe etwas von einem alten Mercedes erwähnt. Da ich zuhause – um es vorsichtig zu formulieren - ab und zu das Thema Oldtimer und die existentielle Wichtigkeit des Oldtimer-Kaufs für das Wohl der Welt angeschnitten hatte, war meiner Freundin klar, wie sie zu reagieren hatte: Allerfreundlichste Tonlage anstimmen - „flöt“, Interesse signalisieren, Nummer notieren und mich umgehend informieren. Vorbildlich war das!

Um es kurz zu machen, einen knappen Monat später und nach einigen Telefonaten, einer ausgiebigen Probefahrt und nochmal-drüber-Schlafen war ich erneut in Kiel, um mir den Wagen nochmals anzusehen. Wir waren uns einig: Der Wagen sollte den Besitzer wechseln. Nur war ich mit meinem Alltagswagen und ohne jegliche Barschaften nach Kiel gefahren und am gleichen Tage fand parallel zu unseren Verhandlungen die Ausfahrt "VDH meets Vollmetaldaimler" in genau dieser Gegend statt. Jetzt unverrichteter Dinge wieder heimkehren kam nicht infrage. Also trafen wir die Regelung, daß mein Alltagsgefährt als Pfand verbleibt und dafür der Benz mit mir mitkommt. Wie aufregend! Alleine im meinem neuen 108er und gleich zur ersten Ausfahrt! Hach.... Jetzt aber schnell, ehe die fröhliche Runde, die gerade gemütlich am Strand saß, sich aufgelöst hat.

Immerhin das Ende der Ausfahrt konnte ich auf diese Weise noch mitnehmen. Nachdem ich das richtige Stück Strand endlich gefunden hatte und etwas nervös den Wagen geparkt hatte, warfen sich etwa 15 Leute unter und in das Auto.

Ich befürchtete das Allerschlimmste, ich war mir sicher, daß ich nun vielstimmig vernehmen durfte, was ich mir da Schlimmes hab andrehen lassen (Das ist kein Mißtrauen in meine „Sachverständigen“, sondern Natur-Pessimismus). Aber es bleib bei den freundlichsten Kommentaren und Glückwünschen. Kann ich jedem empfehlen, seine Neuanschaffung gleich in so einem Rahmen vorzuführen. Etwas leiser zu vernehmen waren Stimmen wie "na endlich, wurde ja auch mal Zeit..." oder "Wenn Du die Veloursteppiche loswerden willst, dann sach Bescheid." Also nix, worüber ich mir Sorgen machen sollte. Die Rückfahrt im kleinen Konvoi war ein Gedicht, auch wenn ich jedes Geräusch mit leicht angespannter Aufmerksamkeit wahrgenommmen habe.

Zwischen Ende September und Ende Oktober habe ich immerhin noch rund 1000 km mit dem guten Stück geschafft; hauptsächlich kleinere Ausflüge, aber auch Highlights wie die legendäre 108er Ausfahrt - aber das ist ein anderes Thema. In Schnee und Eis und vor allem böses Salz bin ich unbeabsichtigterweise auch schon geraten - für die einen vielleicht Frevel, meiner Meinung nach muß er das abkönnen, auch wenn ich vor allem Salz grundsätzlich vermeiden werde.

Bei Freunden, Nachbarn und Kollegen stößt der Wagen in jedem Falle auf eine amüsante Art von Aufmerksamkeit. Von durchaus ernstgemeinten Fragen "Und wieso hast Du das gemacht?" über "So einen hatte mein Nachbar auch mal" bis hin zu dem Kommentar in einer Arbeitsbesprechung, in der unabsichtlich ein Foto meines Wagens auf dem Bildschirm aufpoppte "Na, das hätten Sie doch gleich sagen können, das ist doch viel interessanter." ist alles dabei gewesen, nur nichts negatives.